Skulptur 0 

018, Bibelseiten, Wachs, Holzstab

 

100 Bibeln in verschiedenen Übersetzungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert habe ich mit Wachs wieder zu einem Holzstamm verarbeitet.

Seite für Seite trennte ich von den Einbänden, tunkte sie in Wachs und rollte sie auf. Mit dem Schnitzeisen formulierte ich mein bildhauerisches Anliegen.

Die Konzeption der Rückführung auf etwas Materielles ist für mich als Bildhauer eine Notwendigkeit, gerade wenn ich an die frühen Künstler im Dienste der Kirche denke, deren Aufgabe meist darin bestand, Zeugnis von der biblischen Geschichte und von Glaubensinhalten abzugeben.

 

Wie aber gehen die Menschen mit solch einer Umkehrung und bildhauerischen Verarbeitung der Bibel um? Welche Spielräume öffnen sich durch den Perspektivwechsel auf das Buch der Bücher?

 

Ist die Transformation ein Akt der Reduktion? Ein polemisches Bekenntnis zum Materialismus? Teil der fortschreitenden Säkularisierung? Ein Verweis auf den Baum des Lebens?

Oder wird die „Schöpfungskette“ eines Buches thematisiert, dessen Seiten im 19. Jahrhundert erstmals aus Holz gewonnener Cellulose bestanden und die günstige Herstellung im industriellen Maßstab möglich machte?

Die Fragen lassen sich fortschreiben.

Es ist die Unschärfe, die sich in all den offenen Fragen zeigt und die Skulptur 0 zu einem Gesellschaftsexperiment macht.

© Jonas Maria Ried